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Wurst per Mausklick

Die Scheinwerfer sind zerbrochen, die Stoßstange ist eingedrückt und das Nummernschild abgerissen. Unfallwagen wie diesen sieht und begutachtet Niclas Brettner in den Werkstätten des Hamburger Karosseriebau- und Lackierfachbetriebes Peters täglich.
Doch eines hat sich verändert. Zum Kalkulieren seiner Aufträge benötigt er keine handschriftlichen Notizen mehr. Das erledigt die Technik.
Über eine App lädt er ein Foto des Fahrzeugs auf den Bildschirm seines Tablet-Computers. Sofort erkennt er, welche Teile verbaut wurden. Entdeckt er am Unfallwagen ein defektes Teil, tippt er es auf dem Bildschirm an. Den Rest erledigt die Software. Sie speichert die Daten, überträgt sie über ein kabelloses Netzwerk zum Server, ordnet sie dem Schadensfall zu und kalkuliert die Reparaturkosten – noch während der Handwerker vor dem Auto steht.

Prozesse beschleunigen
Diese neuen Möglichkeiten begeistern den 25-Jährigen – und das nicht nur, weil er zu der Generation der Handwerker zählt, die in Zeiten der fortschreitenden Vernetzung aufgewachsen sind. Privat und beruflich ist das Smartphone sein stetiger Begleiter – zum Telefonieren, Lesen von E-Mails und Verwalten seiner Termine.
Als Assistent der Geschäftsführung  sucht Niclas Brettner nach neuen Lösungen, die die Arbeiten vereinfachen und Prozesse beschleunigen. Ein Beispiel beweist ihm, dass nichts mehr undenkbar scheint: „Vor 20 Jahren hätte niemand geglaubt, dass wir Frontscheiben beim Auswechseln an einen Computer anschließen und programmieren. Heute ist das ganz normal.“  Ebenso veränderte sich die Kommunikation mit den Kunden und Versicherungen. Daten werden digital versendet. Aufträge, Gutachten und Freigaben erhält die Firma elektronisch. Und Niclas Brettner ist überzeugt, dass Kunden und  Versicherer bald den Bearbeitungsstatus ihres Fahrzeugs online mitverfolgen können.

Abstrakte politische Vorhaben
Diese Formen des fortschreitenden technischen Wandels sind auch für Politiker längst kein Neuland mehr. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht inzwischen über das Internet der Dinge, digitale Infrastrukturen und Vernetzungen. Abstrakter klingen die Begriffe der Digitalen Agenda, die Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im August 2014 in Hamburg auf den Weg brachte. Darin ist die Rede von der Digitalisierung der Wirtschaft und Industrie 4.0. Deutschland soll das digitale Wachstumsland Nr. 1 in Europa werden. Den Mittelstand und das Handwerk fordert der Minister auf, sich stärker als bisher den Herausforderungen zu stellen.
Unklar bleibt nur, was Gabriel mit Digitalisierung konkret meint – zu groß ist die Bandbreite. Sie reicht von der Optimierung der Bürokommunikation über die Nutzung von Homepages und sozialen Netzwerken bis hin zum Erschließen ganz neuer Märkte. Das klingt vielversprechend. Doch kleine und mittelständische Unternehmen beurteilen die Möglichkeiten sehr unterschiedlich. Die einen lehnen es ab. Andere nutzen ihren Wissensvorsprung für innovative Ideen. Und dann gibt es noch jene, die auf die passenden Rahmenbedingungen warten. E-Business-Lotse Wolfram Kroker von der Handwerkskammer Lübeck unterstützt digitale Neulinge und erfahrene Betriebe. Dafür besucht er sie oder lädt zu Infoabenden ein.

Digitalisierung beginnt im Kleinen

Eines es ihm wichtig: „Die Digitalisierung beginnt im Kleinen.“ Firmen, die entweder einen Computer, Scanner, Internetanschluss oder eine E-Mail-Adresse haben, erfüllen aus seiner Sicht die Vorraussetzungen. Ihnen gibt er Tipps, um die Bausteine geschickt miteinander zu verknüpfen. Erst dann sensibilisiert er für die Nutzung neuer Techniken. Schließlich seien es immer häufiger die Kunden, die Handwerker zum Umdenken zwingen. „Deren Ansprüche steigen. Häuser und Wohnungen werden vernetzt. Handwerker sollten wissen, wie die Technologie des Smarthomes funktioniert“, so Kroker.
Den Fachmann beruhigt, dass etwa 59 Prozent der Handwerker die Digitalisierung als eine Chance begreifen. Das ergab eine vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) im Frühjahr 2014 veröffentlichte Studie. Demnach nutzen 93,9 Prozent aller Befragten die von  Wolfram Kroker erwähnten Geräte oder CNC-Maschinen – noch wenige die 3D-Drucker.

Alle Infos mit einem Klick

Friedrich Heppeler hat die ersten Schritte längst gemeistert. Der Chef der Firma Chr. & H. Sievers aus Hamburg sitzt an seinem Schreibtisch, sein Telefon klingelt und im selben Moment erscheint auf dem Bildschirm der Name des Kunden.
Während er mit ihm spricht, genügt ihm ein Mausklick. Schon sieht er alle E-Mails, Angebote, Pläne und Rechnungen, die sein Computersystem seit 1999 gesammelt hat.  So lange benötigt er schon keine Auftragsordner und Kundenkarteien mehr. Weil ihn die Flut von Werbefaxen störte, fand er für seinen Sanitär-, Heizungs- und Klimabetrieb eine Software.
Heute legt das Programm die  Dokumente in einer Datenbank ab. Zusätzlich verwaltet es die E-Mail-Postfächer und Kalender der Mitarbeiter. Aufträge und Termine werden im Büro eingetragen und können von den Monteuren auf dem Smartphone gelesen werden. Auf dem gleichen Weg verschickt der Meister Planänderungen für die Baustellen.

Breitbandausbau ist dringend nötig

Doch Digitalisierung kann noch weit mehr sein, als die Optimierung der Arbeitsabläufe und Kommunikation. In seiner Umfrage ermittelte der ZDH, dass 58 Prozent der Betriebe sie als Chance für Innovation sehen.
Doch dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Wichtiger Baustein ist das schnelle Internet – darüber verfügen 28,8 Prozent der Befragten. Allerdings beklagten 10,7 Prozent, dass ihr Zugang deutlich zu langsam sei. Weitere 18,7 Prozent befürchten, dass die Geschwindigkeit nicht ausreichen werde.
In ihrer Digitalen Agenda verspricht die Bundesregierung flächendeckende Hochgeschwindigkeitsnetze. Besonders im ländlichen Raum herrsche Handlungsbedarf. Um das zu verbessern, setzen die Politiker auf einen effizienten Technologiemix aus Glasfaserkabeln und Mobilfunk. Bis 2018 soll die durchschnittliche Downloadgeschwindigkeit bei mindestens 50 Megabit pro Sekunde liegen – das wäre rund 50mal schneller als noch 2011.
Firmen können dann schneller untereinander große Datenmengen auszutauschen. Ebenso rechnen Experten mit einem Anstieg der Nutzung der Cloud-Technologie. Handwerker mieten sich externen Speicherplatz, unterhalten keine eigenen Server und sichern ihre Daten in der digitalen Wolke, also in gesicherten Rechenzentren.
Auch politisch drängt der ZDH auf einen schnellen Ausbau. Sollte die Bundesregierung das Vergaberecht reformieren und eine elektronische Abwicklung einführen, müsse ein fairer und schneller Zugang für alle Handwerker geschaffen werden.

„Willkommen an der Live-Frischetheke“

Um die Geschwindigkeit seines Internetanschlusses muss sich Andreas Sparber in München keine Gedanken machen. Während seine Mitarbeiter an der Fleischtheke die Kunden beraten, greift der Chef zum Kopfhörer, setzt ihn auf und beginnt zu reden: „Herzlich willkommen an der Live-Frischetheke.“ Die Kunden im Laden schauen ungläubig. Sie erleben etwas in Deutschland bislang Einmaliges. Seit sechs Monaten öffnet Andreas Sparber an drei Tagen in der Woche seinen Live-Internet-Shop. Die Kunden registrieren sich, drücken einen Knopf, stellen sich in der virtuellen Schlange an und warten, bis sie bedient werden. Der Clou: Sie sehen den Fleischer dann live. Andreas Sparber zeigt ihnen Fleisch, beantwortet Fragen zu Rezepten, schneidet Stücke zu und verpackt die Ware vakuumiert. Am nächsten Morgen wird die Bestellung in speziellen Kartons geliefert.
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Ein Fernsehbeitrag über die Live-Metzgerei

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Der Onlineshop schien ihm vor vier Jahren die beste Alternative zur kostspieligen Eröffnung einer weiteren Filiale. Schnell stand für ihn fest, dass der klassische Shop in der Form eines digitalen Katalogs nicht ausreichen würde. „Unsere Kunden wollen Beratung“, sagt Sparber. Seine Lösung: die Bildtelefonie. Drei Jahre vergingen, in denen er Kopfhörer, Kameras und Mikrofone testete. Eine Agentur programmierte die Software so, dass beispielsweise ein virtueller Warenkorb entwickelt werden konnte, in den Andreas Sparber die Waren legt. Seit Mitte 2014 ist das System online. Seine Produkte versendet er bundesweit – Weißwürste gingen schon nach Nordfriesland. Im nächsten Schritt soll das System verkauft werden. Interessenten haben sich schon gemeldet.
Unverhofft und zufällig finden andere Handwerker die für sie passende technische Lösung – wie Michael Rohloff und seine 14 Mitschüler. Sie alle absolvieren eine zweijährige Fortbildung zum Holztechniker an der Hamburger Berufsschule G6. In zwei Tagen werden sie sich und ihr Produkt auf der Möbelmesse in Köln präsentieren. Entsprechend groß ist die Anspannung. Einige gestalten die Homepage. Andere posten Fotos auf der eigenen Facebook-Seite.

3D-Drucker brachte die Lösung
Was als Projektarbeit begann, entwickelte sich zu einer technischen Innovation. Die Schüler sind in der Lage, die einzelnen Elemente ihres Regal-systems 2Clic ohne Schrauben miteinander zu verbinden. Lange haben sie dafür getüftelt – bis Michael Rohloff, den erst kurz zuvor angeschafften 3D-Drucker entdeckte.  Tagelang testeten die Schüler das Zusammenspiel des Druckers mit den bislang üblichen CAD-Planungsprogrammen und staunten über die Qualität ihrer sieben Clips, mit denen sie die Elemente verbinden. „Was für eine geniale Möglichkeit. Wir konnten probieren, ohne hohe Kosten zu produzieren“, erinnert sich Michael Rohloff an die ersten Prototypen. Wie einfach es geht, will er zeigen. Er steckt eine Speicherkarte in den Drucker, sucht die Datei und startet. Eine Glasscheibe fährt nach oben. Der Druckkopf bewegt sich hin und her und trägt hauchdünne Kunststoffschichten auf. Nach zehn Minuten hält Michael Rohloff den Clip in der Hand.
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Ein Video von 2Clic

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Mittlerweile ist die Idee serienreif. Rund 4.000 Clips ließen die Schüler von einer Firma drucken. Zusätzlich nutzten sie den eigenen Drucker, um Modelle ihrer Möbel für die Messe zu drucken. Und auch in der Schule haben sich die Vorzüge der neuen Technik herumgesprochen. Eine Textilgestalter-Klasse nutzte den Drucker, um Knöpfe für Kleider zu drucken.  Michael Rohloff ist überzeugt: „Wir stehen erst am Anfang einer spannenden technischen Entwicklung.“

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