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Nina Lupp: Haare ab, Kopf hoch!

Zur Bankkauffrau wurde sie durch eine Ausbildung. Zur Schneiderin wurde sie während einer Krankheit. Nina Lupp erkrankte 2006 an Krebs, verlor ihre Haare und machte aus einer Notlösung eine Geschäftsidee.

 

Von Jens Seemann

 

So leicht wirft Nina Lupp nichts mehr aus der Bahn. Der Kampf gegen den Krebs machte die Schleswig-Holsteinerin noch stärker und brachte sie auf eine Idee: Seither näht sie Wohlfühlmützen für Haarlose Frauen. Foto: Seemann

Ein Zuschneidetisch, zwei Nähmaschinen, Nadeln, Maßbänder, Fäden und bunte Stoffe, die sich in den Regalen stapeln – eine scheinbar normale Schneiderwerkstatt. Ist es aber nicht. Es ist ein besonderer Ort. Hier wohnt und arbeitet eine Einzelkämpferin mit einer besonderen Geschichte und einem besonderen Anliegen – Schneiderin Nina Lupp. Sie näht keine Kleider – sie näht Mützen für krebskranke Frauen.
Aus ganz Deutschland kommen erkrankte Frauen ins beschauliche schleswig-holsteinische Hetlingen – weil sie Nina Lupps Geschichte kennen. Sie wollen sich nicht nur Mützen anfertigen lassen. Die Frauen wissen, dass sie hier offen über ihre Erfahrungen, Ängste und Gefühle sprechen können. Nina Lupp macht ihnen Mut und spendet Trost. Das Vertrauen, das ihr die kranken Frauen entgegenbringen, ist so wertvoll wie ihr handwerkliches Können. Nina Lupp hilft – nicht nur mit bequemen Mützen für den haarlosen Kopf. Sie redet mit den Frauen – häufig stundenlang. Es wird viel gelacht. Und manchmal rollen auch Tränen. Nina Lupp weiß, wie die kranken Frauen fühlen – aus eigener Erfahrung. Sie kennt die Angst vor dem Tod. Sie weiß, wie sehr die Frauen sich vor den Nebenwirkungen der Chemotherapien fürchten. Wenn die Frauen Hetlingen verlassen, gibt sie ihnen ihr Motto mit auf den Weg: „Haare ab, Kopf hoch!“
Von 2006 bis 2011 kämpfte sie selbst gegen den Krebs. Heute erinnert ein kleines Foto an ihre Leidenszeit. Für jeden gut sichtbar hängt es über ihrem Zuschneidetisch. Es zeigt Nina Lupp ohne Haare und mit einem Lächeln. Das war 2006. Ihr Diagnose:  Brustkrebs. Was folgten waren eine Operation, Chemotherapien und Bestrahlung. Sie verlor ihre Haare, aber nicht den Mut. Nina Lupp kämpfte. Mit 44 Jahren wollte sie nicht sterben. „Dich mache ich platt“, schrieb sie als Kampfansage in ihren Kalender.
Ihre Kundinnen hören ihre Geschichte gerne. Es ist die Geschichte einer Kämpferin, die den Krebs besiegte und sich während ihres Kampfes als Schneiderin selbstständig machte.
Ein Kapitel dieser Geschichte ist Nina Lupps Verlust der Haare. Seither weiß sie, wie sehr die Frauen darunter leiden: „Es ist der emotionalste Moment nach der Krebsdiagnose.“
Sie erlebt diesen Moment im Frühjahr 2006 – wenige Wochen nach der Diagnose. Ihr Tumor ist bösartig und wird entfernt – die Chemotherapie soll alle verbliebenen Zellen töten. Nina Lupp macht sich keine Illusionen – ihre Haare werden ausfallen.
Zehn Tage nach der zweiten Sitzung ist es so weit. Am Morgen liegen Haarbüschel auf ihrem Kopfkissen. Nina Lupp ist vorbereitet. Sie zögert nicht und greift zur Schere. Kurze Zeit später ist ihr Kopf kahl – ohne Schutz und Wärme. An den Anblick wird sie sich nicht gewöhnen und frieren möchte sie nicht. Deshalb sucht sie eine passende Kopfbedeckung. Eine Perücke will sie nicht.Tücher mag sie nicht. Also entstaubt sie ihre Nähmaschine, um eine Mütze zu nähen. Eine scheinbar unlösbare Aufgabe für eine Frau, die keine Handwerkerin ist und 20 Jahre als Bankkauffrau, Sekretärin und Mitarbeiterin einer Werbeagentur arbeitete. Doch Nina Lupp hat Talent – vielleicht wegen ihres Vaters. Der war Herrenschneider und als Kind durfte sie Kleinigkeiten aus Stoffresten nähen. Nina Lupp kennt wenige Schnitte, aber weiß, was sie haben will. Ihre Mütze soll weich und bequem sein. Und sie muss auch ohne Gummizüge und Bänder beim Kopfstand halten.
Nach wenigen Tagen kommt Nina Lupp ihrem Wunschergebnis näher. Ihr Prototyp hält. Auch zur Chemotherapie setzt sie ihn auf. Dort bewundern immer mehr Frauen ihre kreative Idee. Viele wollen diese praktische Mütze auch haben. Also beginnt Nina Lupp zu nähen. Mit jeder Frau, die eine Mütze trägt, kommen neue Anfragen. Aus ihrer Notlösung wird ein Geschäftsmodell. Rückblickend sagt sie: „Wenn ich gesund gewesen wäre, hätte ich die Idee nie umgesetzt, da ich Angst gehabt hätte, nicht davon leben zu können. Doch ich wollte davon nicht leben, ich wollte helfen.“ Ohne Ausbildung wird sie als Schneiderin anerkannt und meldet ein Gewerbe an. Betriebswirtschaftliches Wissen hat sie durch ihre vorherigen beruflichen Stationen. Während sie Mütze um Mütze näht, kämpft sie selbst noch immer gegen den Krebs. „Es war ein Stück Therapie. Die vielen glücklichen Gesichter trieben mich an“, sagt Lupp.
Im Herbst 2006 endet ihre Therapie. Den Krebs hat sie tatsächlich plattgemacht und muss sich entscheiden. Ihr Mann stellt sie vor die Frage, ob sie es aushalten würde, jeden Tag mit ihrer Krankheit konfrontiert zu werden. Nina Lupp kann es und verfeinert ihr Konzept.
Sie braucht keine Anzeigen. Ihre Kundinnen muss sie anders ansprechen. Empfehlungen führen die einen zu ihr. Andere erreicht sie mit ihren Flyern in Kliniken und Praxen – dort sind die kranken Frauen nach ihrer Operation. Lupps Flyer liegen in einer Mappe voller Tipps, die Frauen bei ihrer Entlassung bekommen. Die Nachfrage ist mittlerweile so groß, dass Nina Lupp stundenweise eine Helferin in ihrer Werkstatt beschäftigt. Seit 2006 nähte sie 3.000 Mützen. Mit einer machte sie eine Frau im fernen brasilianischen Sao Paulo glücklich. Die schickte ihr die erforderlichen Maße per E-Mail.

Nina Lupps Homepage: www.feelgood-muetzen.de

 

6. Juni 2012, 10.12 Uhr

Nina Lupp über…


Arbeitszufriedenheit   Das Lächeln meiner Kundinnen macht mich zufrieden.
Lebenszufriedenheit   Ich bin froh das Leben noch zu haben.
Ausbildung/Beruf   Bankkauffrau, Schneiderin.
Hobbys   Tanzen.
Letzter Urlaub   New York, 2009.
Wunsch an die Politik   Das Gesundheitssystem vereinfachen. Hilfe sollte schneller und unkomplizierter genehmigt werden.

 

Dieser Beitrag erschien im Juli-Heft des Magazin NordHandwerk

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nina Lupp ist Preisträgerin des Pulsus-Award 2012

 

 

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