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Meister des Kopierens

Von Jens Seemann

Stuckateurmeister Carsten Hamerich. Foto: Jens Seemann

Das ist noch nicht optimal. Erneut nimmt Carsten Hamerich seine Kelle, sticht sie in einen Behälter voller weichem Gips und streift die weiße Masse auf seiner Arbeitsplatte ab. Gips ist sein Material. Damit arbeitet er fast ausschließlich. Hamerich ist Stuckateur. Die Decke seiner Werkstatt in Barsbüttel zieren Formen, die seine Besucher meist nur aus Schlössern, Museen oder Hotels kennen. Auf solchen historischen Baustellen ist sein handwerkliches Können oft gefragt. Privatkunden lassen sich die kunstvollen Verzierungen seltener anfertigen.

Neues erfindet der Meister selten. Er greift auf alte Formen zurück. Alles haben andere in den Jahrtausenden zuvor schon einmal entworfen. „Wir sind Meister des Kopierens“, sagt Hamerich mit einem Lächeln. Vieles fertigt er für Aufträge in der Denkmalpflege an – wie diese Stuckleiste.

Es ist eine Wanddekoration für einen Raum. Dafür hat er eine Holzschlittenschablone gebaut.  Diese zieht er immer wieder über die Gipsmasse. „Wenn ich die anrühre, gibt es kein Geheimrezept. Je feiner der Gips gemahlen ist, umso präziser kann ich arbeiten. Und er wird härter“ erklärt Hamerich. Für ganz feine Arbeiten nutzt er manchmal sogar Dentalgips der Zahntechniker. Feineren gibt es kaum.

Eine Stunde lang trägt der Meister Schicht für Schicht Gips auf und zieht ihn ab – bis Form, Höhe und Oberfläche passen. Jetzt muss der Stuck trocknen. Hamerich weiß, dass viele Kunden aus Kostengründen auf Stuckkunst verzichten. Doch nicht das Material macht die Arbeit teuer. Stuckateure benötigen Zeit – viel Zeit. Sie müssen Abdrücke nehmen, modellieren, Formen bauen, gießen oder wie heute abziehen. „Leider ist vielen die Bandbreite unseres Berufs nicht bekannt. Auch nicht den Jugendlichen“, sagt der Handwerker. Nur selten bekommt er Bewerbungen. Auch Berufskollegen klagen darüber. In Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gibt es aktuell nur drei Auszubildende im ersten Lehrjahr. Meist bewerben sich Mädchen, die künstlerisch und kreativ arbeiten wollen. Doch Hamerich ist dann ehrlich: Das hier ist körperlich sehr anstrengend und die Vorgaben kommen vom Kunden oder Architekten.“ Ihn selbst faszinieren die Arbeiten an alten Gebäuden. Im Kloster St. Johannis bei Hamburg konnte er mit seinem Team den Stuck wieder so erneuern, dass ihn der Architekt 2008 für den deutschen Preis der Denkmalpflege vorschlug. Hamerich gewann.

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Silikon statt Knochenleim

Stuckateure verwenden heute nur noch selten Knochenleim. Sie haben ihn durch Silikon ersetzt. Früher nutzten die Handwerker den Knochenleim an altem Stuck, um ihre Formen abzunehmen. Später werden diese mit Gips ausgegossen. Viele Formen heben sie sich auf. Doch Knochenleim ist nicht so langlebig. Er wird brüchig. Deshalb wird heute überwiegend Silikon verwendet.

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Impressionen aus der Werkstatt des Stuckateurs:

 

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Dieser Beitrag erschien als zweiter Teil der Serie Handwerk mit Tradition in den Lübecker Nachrichten Stormarn am 14. Oktober 2012

 

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