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Hier kommt niemand hoch, der mich ärgern will

Kaum einer kann den Wandel der 50 Jahre alten Firma Beckmann Schornstein – und Feuerungsbau besser beschreiben als Rolf Twisselmann. Eine Fahrt mit ihm auf einen der immer weniger werdenden Backstein-Riesen.

Von Jens Seemann

 

Rolf Twisselmann kann nicht ohne. 36 Jahre arbeitet der Schornstein- und Feuerungsstättenbauer bei Sonne, Wind und Regen in, an und auf bis zu 100 Meter hohen Schornsteinen. Die Ärzte bescheinigten ihm Konditionswerte eines Leistungssportlers. Doch das Klettern schädigte sein Knie. Die Schmerzen zwangen den Mitarbeiter der Firma Beckmann Schornstein- und Feuerungsbau einen Schlussstrich zu ziehen. Offiziell trat er 2011 in den Ruhestand. Ganz weg ist er aber nicht. Und das ist exemplarisch für den zweiten Generationswechsel in der 50-jährigen Firmengeschichte.

Der zweite Generationswechsel

Nachdem Maurer Ernst-Werner Beckmann den Betrieb 1961 gründete, ihn 1986 an Sohn Peter übergab, laufen seit 2007 alle Fäden bei Enkel Hendrik zusammen. Der setzt auf eine Mischung aus Erfahrung und Jugend. Und auf Rolf Twisselmann.

Der ist immer noch regelmäßig auf dem Firmengelände im schleswig-holsteinischen Kiebitzreihe. Ganz ohne Schornsteine, Kunden und Kollegen wollte Rolf , den alle nur beim Vornamen nennen, nicht sein. Und Hendrik Beckmann wollte das Wissen des 63-Jährigen nicht missen. Beide trafen eine Vereinbarung: Der einstige Polier steht bis zu 20 Stunden im Monat beratend zur Verfügung – so wie heute.

Rolf ist in seinen Blaumann geschlüpft. Sein Ziel ist ein Schornstein, den er seit 30 Jahren kennt. Vor den Toren Glückstadts sieht er in der Ferne den 100 Meter hohen Koloss der Firma Steinbeis Energie. „Der raucht nur noch selten“, sagt Rolf. Wie er ist er im Stand-by-Betrieb. Wird er gebraucht, ist er noch funktionstüchtig. „Solche Riesen werden kaum noch gebaut. Viele werden abgerissen und durch kurze Stahlröhren ersetzt“, sagt Rolf wehmütig. Als er seinen Beruf vor 40 Jahren erlernte, steckte der Umweltschutz noch in den Kinderschuhen. Kunden verbrannten Schweröl. Die Backstein-Riesen verteilten den schwarzen Ruß in der Höhe.

Heute ist der Rauch meist kaum noch sichtbar. Filter haben den Umweltschutz verbessert. Die Schornsteine werden kleiner. „Und oben strömt warme Luft heraus“, sagt Rolf.

Ein Beruf im Wandel

Deshalb ist sein Beruf im Wandel. Ginge es nur um den Bau und die Wartungen der alten Backstein-Schornsteine, sähe er ihn vom Aussterben bedroht. Doch die Firma ist breit aufgestellt. Die Mitarbeiter bauen und reparieren auch Feuerungsstätten von Industrieöfen, Reaktoren oder Chemie- und Zementwerken und Schiffen. Die müssen Steine nutzen. „Unsere Materialien eignen sich bis zu 1.800 Grad – das leistet kaum ein Stahl“, sagt Rolf

Am Schornstein angekommen, begrüßen ihn die jungen Kollegen. Rolf ist froh, dass jetzt Vorarbeiter Dennis Rohwedder die Verantwortung für die Kollegen und die Sicherheit rund die Baustelle trägt. Während Rolf seine Sicherheitsausrüstung anlegt, füllen Kollegen die Gefahrenbeurteilungen aus. Das ist ebenso vorgeschrieben wie weiträumiges Absperren. „Es kann immer etwas runterfallen“, sagt Rolf. Als er junger Maurer war, dachte kaum jemand an Arbeitsschutz. Ohne Sicherheitsausrüstung kletterten die Männer die Schornsteine hinauf. Passiert ist damals wie heute nichts. „Das Bewusstsein ist dank der umfangreichen Vorschriften und regelmäßigen Schulungen heute ein anderes“, sagt Rolf.

Neben ihm steht, eingehüllt in einen weißen Schutzanzug, Atemmaske und Helm ein weiterer Kollege. Ihn schickt Dennis Rohwedder in den Schornstein. Er setzt sich in einen Bootsmannstuhl, schnallt sich an und fährt an zwei Seilen gesichert auf 56 Meter Höhe. Teile der Dämmung müssen erneuert werden. Das haben die Männer zuvor bei einer Kamerabefahrung gesehen.

Rolf steigt unterdessen in einen Hubkorb, mit dem er außen hinauffährt. Leise quietschen die Reifen. Immer wieder stoppt er die Fahrt und notiert Rostschäden und Risse. Alle zwei Jahre muss das gemacht werden. Wenn seine Kollegen später die Schäden ausbessern, müssen sie spezielle Gerüste am Turm anbringen.

Einen kurzen Moment lässt Rolf den Blick über die Elbe schweifen und schwärmt: „Hier kommt niemand hoch, der mich ärgern will.“ Und dann staunt der Fotograf. Rolf klickt seinen Sicherheitshaken in die Steigeisen des Schornsteins, steigt aus dem Korb, klettert einige Meter hinauf und ruft hinunter: „Jetzt bekommst Du hier oben auch noch ein schönes Foto.“

 

Dieser Beitrag erschien in der Oktober-Ausgabe 2012 des Magazin NordHandwerk

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