Menü

Der Zukunftsmarkt 50plus – Vom veralteten Bild des Alters

Nähern sich Kunden dem Rentenalter, stecken Unternehmer sie häufig in eine große Schublade: alt, gebrechlich, hilfsbedürftig. Ein fataler Fehler. Der Markt der jungen Alten wächst. Was fehlt, sind passende Produkte und Dienstleistungen. Eine Chance fürs Handwerk.

Von Jens Seemann

Friseurin Renate Lüdmann hat sich auf Frauen über 40 spezialisiert. Foto: Doria

Elisabeth Scharlau blickt in den Spiegel. Mit der Hand streift sie durch ihr langes Haar. Während Friseurin Renate Lüdmann ihr den Umhang abstreift, sagt sie: „So bin ich. Jetzt sehe ich so aus, wie ich mich selbst sehe.” Einzig ihre grauen Haare lassen erahnen, dass die Hamburgerin 65 Jahre alt ist. Sie fühlt sich nicht alt. Und sie möchte nicht alt aussehen.

Als reifere Kundin einen passenden Friseur zu finden, fiel ihr schwer. Oft verließ sie die Salons mit einem schlechten Gefühl. Sie fühlte sich nicht verstanden.

Elisabeth Scharlau will keine kurzen Haare oder den aktuellsten Schnitt. „Ich möchte in meinem Älterwerden modisch begleitet werden”, sagt die Hamburgerin.

Genau das bietet ihr Renate Lüdmann. Sie will nicht verjüngern – sie will verschönern. Das honorieren die Kundinnen, die in den vergangenen zehn Jahren den kleinen Salon „Beauty 40 Plus” in Hamburg Eimsbüttel gefunden haben. Viele von ihnen sind über 50 Jahre alt – Lüdmann ist selbst 69 Jahre alt. Ihr vertrauen die Damen und fühlen sich wohl. Durch den Salon schallt keine Musik. Laut wird es nur, wenn Renate Lüdmann ihren Fön einschaltet.

“Sehe ich Werbung und Dienstleistungsangebote, stelle ich mir die Frage, warum wir Reiferen von der Wirtschaft vergessen werden” – Renate Lüdmann, Friseurin aus Hamburg

„Ehrlich gesagt, haben mich die Älteren als junge Meisterin nie interessiert”, sagt Lüdmann. Bis sie selbst älter wurde. Das war während ihrer Zeit in New York und Los Angeles. In den Vereinigten Staaten arbeitete sie als Beauty-Redakteurin für deutsche Modezeitschriften, stylte Frauen um, ließ sie fotografieren und schrieb darüber. „Plötzlich erreichten mich Leserbriefe von älteren Frauen. Sie beklagten, dass nur junge Frauen gezeigt werden”, erinnert sich die Hamburgerin.

Die Leserinnen sprachen an, was Renate Lüdmann seither bewusst erlebt. Werbemacher und Dienstleister grenzen die Generation 50plus entweder aus und sprechen sie völlig falsch an. Laut einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben zwei Drittel der über 50-Jährigen das Gefühl, dass die Werbewirtschaft sich nicht um sie kümmert. „Bis zum 75. Geburtstag wollen Ältere nicht als Senioren betitelt werden und sie wollen in der Werbung nicht als alt und gebrechlich dargestellt werden”, warnt Daniel Dirkes, Werbefachmann von Artland Marketing.

Und sie wollen nicht im Jugendwahn vergessen werden. So wie Renate Lüdmann: „Wir Reiferen werden in den kommenden Jahren immer mehr, doch in der Werbung finde ich nur junge Models”, sagt Lüdmann und meint den demografischen Wandel.

Die Weltbevölkerung wird bis 2050 um 50 Prozent auf rund 9 Milliarden anwachsen. Deutschland erlebt im gleichen Zeitraum einen gegenläufigen Trend. Die Einwohnerzahl sinkt um 16,7 Prozent auf rund 69 Millionen. Die Älteren werden immer mehr. Bereits 2035 werden 60 Prozent aller Deutschen älter als 50 sein. Heute sind es 30 Prozent. In dieser Entwicklung sehen Fachleute viel Potenzial für Handwerksbetriebe. Sie raten Unternehmern Produkte zu entwickeln, das Marketing zu überdenken und Kooperationen einzugehen.

“Bis 75 Jahre wollen Ältere nicht als Senioren betitelt werden. Und sie wollen in der Werbung nicht als alt und gebrechlich dargestellt werden” – Daniel Dierkes, Marketingexperte aus Merzen

Laut einer Umfrage des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn hat das Handwerk diesen Trend bislang verschlafen – obwohl mit 77 Prozent keiner direkter im Kundenkontakt steht. 47 Prozent haben sich nicht weiter damit beschäftigt. 24 Prozent kennen das Thema überhaupt nicht. Und lediglich 6 Prozent haben sich auf den Seniorenmarkt spezialisiert.

„Da viele Alter eher mit Krankheit als mit einem lebenslangen Prozess in Verbindung bringen, wird das Thema unterschätzt”, sagt Mathias Knigge und ergänzt: „Es ist das veraltete Bild des Alters.” Er bezeichnet es als einen Markt der Zukunft.

Knigge ist Designer und berät mit seiner Hamburger Agentur grauwert Unternehmen bei der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen für Ältere. Sein Eindruck: Kunden über 50 werden in eine Schublade gesteckt. Ihnen wird unterstellt, sie seien gesundheitlich eingeschränkt und hilfsbedürftig, hätten kein Interesse mehr an Einrichtungsgegenständen, Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik. „Das ist mir zu pauschal und falsch”, sagt Mathias Knigge und ergänzt: „Wir sprechen von einer Altersspanne von bis zu 50 Jahren.” Die 69-jährige Renate Lüdmann beschreibt es so: „Nur weil die Haare dünner, die Falten mehr und die Sehkraft schlechter geworden sind, habe ich mich doch nicht verändert. Ich interessiere mich noch immer für Musik, gutes Essen, Wein, die Liebe und alles, was neu ist.”

70 Prozent der über 50-Jährigen nutzen das Internet

In den kommenden Jahren rückt die Generation der Baby-Boomer (1955 bis 1965) nach. Es sind die zahlenmäßig größten Jahrgänge. Ältere werden sich noch länger jung fühlen, achten häufig auf ihre Gesundheit und haben Interesse am gesellschaftlichen Leben und innovativen Produkten. Unabhängig vom Alter sieht Mathias Knigge Gemeinsamkeiten der Generation 50plus: „Die Kunden haben Konsumerfahrung, sind aktiv, anspruchsvoll und selbstbewusst. Ältere legen viel Wert auf Service, Qualität und Beratung und achten nachrangig auf den Preis.”

Und die Generation 50plus will sich nicht auf das Thema Barrierefreiheit reduzieren lassen. Kleine Vereinfachungen im Alltag reichen oft aus. Produkte und Dienstleistungen müssen nicht immer neu erfunden werden. „Es sind Angebote wie der Lieferservice der Bäcker und Fleischer, der Einstellservice des Fernsehtechnikers. Das honorieren Kunden mit Treue”, sagt Knigge.

Bei Produktentwicklungen empfiehlt er das Konzept Design für alle: „Eine bodengleiche Dusche mit flachem Einstieg ist für Kinder, Eltern und Großeltern gleichermaßen komfortabel.”

Für komplexere Anforderungen empfiehlt Knigge Handwerkern Kooperationen. Ältere Kunden schätzen, wenn Betriebe Kompetenzen bündeln und gemeinsam auftreten. „Sie werden es per Mundpropaganda weiterempfehlen”, sagt Werbefachmann Daniel Dirkes.

Eine Kooperation plant auch Friseurin Renate Lüdmann. Sie möchte ein Beautyhaus eröffnen. Mit potenziellen Partnern steht sie schon in Gesprächen. Friseure und Kosmetiker sollen sich nicht nur um Haut, Haare und Make- up kümmern. „Ich kann mir auch vorstellen, Heilpraktiker oder Physiotherapeuten mit ins Boot zu nehmen”, sagt Lüdmann. Bis es so weit ist, schreibt sie an ihrem Buch. Es wird Schönheitstipps für die Frau ab 40 beinhalten.

____________________________________

 

In sechs Schritten zum generationsfreundlichen Produkt

Ältere Kunden zu Partner machen

 

1. Neu ausrichten
Noch werden die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des demografischen Wandels und die anstehenden Anforderungen an Produkte und Dienstleistungen als nicht dringend empfungen. Wer jetzt Lösungen entwickelt, schafft sich einen Wettbewerbsvorteil.
2. Nutzer kennenlernen
Ältere Kunden sollten eingebunden werden – vor, während und nach der Produktentwicklung. Das hilft Schwachstellen zu erkennen und Innovationen zu entwickeln.
3. Produkte optimieren
Ältere Kunden wollen nicht auf Defizite gestoßen werden. Gefragt sind Gestaltung, Wertigkeit, Ästhetik und Nutzen.
4. Handelsflächen anpassen
Verkaufsflächen und auch Internetangebote sollten barrierefrei gestaltet sein.
5. Kommunikation anpassen
Ältere Kunden wollen in der Werbung mit realitätsnahe n Bildern angesprochen werden.
6. Partner ins Boot holen
Es kann hilfreich sein externe Partner einzubinden, die mit ihrem Blick von außen Veränderungsbedarf und Potentiale erkennen können und weitere Anregungen geben.

——————————–

 

Fünf Konsumtypen der Generation 50plus

Von preisbewusst bis komfortorientiert

Quelle: Initiatiave Wirtschaftsfaktor Alter

 

Preisbewusst Häusliche

Anteil an 50+:     43 %
Altersschnitt:     63 Jahre
Berufstätig:     42 %
Geschlecht m/w:     49 % / 51 %
In Partnerschaft:     75 %
Wohnform eigenes
Haus/Wohnung:    45 %

Qualitätsbewusst Etablierte

Anteil an 50+:     28 %
Altersschnitt:     70 Jahre
Berufstätig:     ausgeschieden
Geschlecht m/w:     39 % / 61 %
In Partnerschaft:     47 %
Wohnform eigenes
Haus/Wohnung:    56 %

Anspruchsvolle Genießer

Anteil an 50+:     15 %
Altersschnitt:     61 Jahre
Berufstätig:     52 %
Geschlecht m/w:     50 % / 50%
In Partnerschaft:     87 %
Wohnform eigenes
Haus/Wohnung:    64 %

Kritische Aktive

Anteil an 50+:     8 %
Altersschnitt:     69 Jahre
Berufstätig:     ausgeschieden
Geschlecht m/w:     39 % / 61%
In Partnerschaft:     48 %
Wohnform eigenes
Haus/Wohnung:    45 %

Komfortorientierte Individualisten

Anteil an 50+:     6 %
Altersschnitt:     56 Jahre
Berufstätig:     93 %
Geschlecht m/w:     53 % / 47%
In Partnerschaft:     82 %
Wohnform eigenes
Haus/Wohnung:    70 %

 

———————————-

Dieser Beitrag erschien in der November-Ausgabe des Magazin NordHandwerk

Das PDF zum Download:

 

……………………………………………………

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

———————————

Eine Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

UA-51395940-1