Menü

Der Reiz des Verbotenen – Kinder staunen über Gefahren von Böllern und Feuerwerk

Von Jens Seemann

Eine Silvesternacht ohne Böller ist für viele Jugendliche kaum vorstellbar. Doch die Knallkörper sind erst ab 18 Jahren zugelassen. Der Reiz liegt im Verbotenen. Das Technische Hilfswerk Neustadt klärte Kinder und Jugendliche über die Gefahren auf.

Ein Böller an einem Luftballon sollte zeigen, was mit dem Trommelfell bei einer Explosion nahe des Kopfes passiert

Ein Böller an einem Luftballon sollte zeigen, was mit dem Trommelfell bei einer Explosion nahe des Kopfes passiert.

Neustadt in Holstein. Gespannt schauen 20 Kinderaugenpaare auf die glühende Lunte. Es zischt. Es knallt. Der Luftballon, an dem eben noch ein Chinaböller befestig war, hängt schlaff herunter. Er soll das Trommelfell symbolisieren. Sowas droht, wenn Böller auf Menschen geworfen werden.  Beim Knall hat ein Böller eine Lautstärke von etwa 170 Dezibel. Ein Martinshorn in 10 Metern Entfernung bringt es auf rund 11o Dezibel.

Schäden am Ohr sind das eine. Falsch angewendet werden Hände verbrannt, Finger abgerissen, Augen geschädigt

„Viele Schäden lassen sich nicht mehr beheben“, sagt Andreas Bruske. Der Hamburger ist Sprengberechtigter des Technischen Hilfswerk (THW). und im Umgang mit Sprengstoffen und Pyrotechnik speziell ausgebildet. Er kann sogar Gebäude sprengen.

Vor Silvester reist er durch die THW-Ortverbände im Norden und leistet Aufklärungsarbeit. Diesmal ist er Gast in Neustadt. Er will abschrecken.

Vor ihm stehen Mädchen und Jungen im Alter von neun bis 17 Jahren. Sie alle sind noch zu jung, um Feuerwerk zünden zu dürfen. „Doch sie machen es meist trotzdem. Deshalb will ich zum einen über die Gefahren aufklären und den richtigen Umgang mit der Pyrotechnik erklären“, sagt Bruske.

Der Luftballon ist erst der Anfang. In einem Vortrag erzählte er den Jungen und Mädchen des THW und der Jugendfeuerwehr Sierksdorf zuvor etwas über die Theorie. Er erläuterte ihnen die Unterschiede der Feuerwerksklassen . Die werden von eins bis vier klassifiziert – angefangen bei der Wunderkerzen und den Knallfröschen der Klasse, über die Chinaböller der Klasse 2 bis hin zu den Höhenfeuerwerken der Profis der Klassen drei und vier. „Man sollte und bedingt die Gebrauchsanweisung lesen. Beispielsweise dürfen Raketen nur von festen Punkten aus abgeschossen werden“, sagt der Fachmann.

„Die hätte jetzt schwerste Verbrennungen erlitten“

Die Gruppe geht zur nächsten Puppe. In der Jackentasche steckt eine Tüte mit Knallkörpern. Die sind aus Sicherheitsgründen mit einem Kabel verbunden. In 50 Metern Entfernung müssen sich die Kinder hinter einem Tisch aufreihen. Als Jüngster darf der 9-jährige Lukas  an der Kurbel des Zündgerätes drehen. Er zählt von drei herunter und drückt einen Knopf. Sekundenbruchteile später knallt es in der Jackentasche und ein roter Feuerball verdeckt die Puppe. „Die hätte jetzt schwerste Verbrennungen erlitten“, sagt Bruske. Pyrotechnik sollte nie in den Taschen oder in einem Rucksack transportiert werden. Für den Ernstfall sollten die Kinder wissen, wie sie reagieren müssen. Bruske zeigt ihnen, dass einen brennen Menschen löschen können. Bruske wirft eine Puppe auf den Boden und streift ihre eine Decke über.

Das sei der Extremfall. Leichte Verbrennungen hingegen können schon durch Unachtsamkeit und Leichtsinn entstehen – wenn beispielsweise ein Bienenkorbböller in der explodiert. Andreas Bruske zeigt das anhand einer Schweinepfote. Die steckt mit dem Böller in einem Gummihandschuh. Auch diesen zünden die Kinder aus der Ferne.  Patrick (16) staunt über die Verbrennungen der Haut.

Da Andreas Bruske weiß, welchen Reiz auch das Auseinanderbauen der Böller für Kinder hat, hat er dafür eine Vorführung vorbereitet. Auf einem Brett legt er eine Schwarzpulverspur und zündet diese aus der Ferne. Eine Stichflamme ist zu sehen. Kaum auszumalen, was einem Kind passiert, das die Spur mit einem Feuerzeug entzündet.

Respekt hat auch Bruske bei jeder seiner Vorführung vor den Polenböllern. Die sind nicht von der Bundesantstalt für Materialforschung (BAM) zugelassen. Die Sprengwirkung ist schwer abzuschätzen. Jedes Jahr beschlagnahmen Landeskriminalämter und der Zoll davon Tonnen. Wenn die Strafverfahren abgeschlossen sind, bekommt Andreas Bruske einige für seine Vorführungen. Einen dieser Böller hat er an eine Schweinepfote gebunden. Jedem Kind werden trotz Sicherabstand Pfropfen in die Ohren gesteckt. Zwei Mädchen kurbeln, zählen und drücken. Es knallt und blitzt gewaltig. Andreas Bruske zeigt den Kindern das Ergebnis. Knochen und der Haut der Pfote sind zerstört. „Ich hoffe, dass es eine abschreckende Wirkung hat“, sagt Bruske, der sich bewusst ist, das jede seiner Vorführung ein schmaler Grad zwischen Abschreckung und Motivation ist.

————————–

So erkennen Sie zugelassene Böller und Raketen

Böller müssen von der Bundesanstalt für Materialforschung geprüft und zugelassen sein. Zu erkennen ist das an der Abkürzung BAM und einer Identifikationsnummer. Grundsätzlich gilt, dass alle Böller ab Klasse 2 nur im Freien gezündet werden dürfen. Sie sollten auf den Boden gelegt werden. Raketen sollten sollten aus auf dem Boden stehenden Flaschen oder Kisten heraus geschossen werden. Nach dem Zünden müssen die auf der Gebrauchsanweisung angegebenen Sicherheitsabstände eingehalten  werden. Sollte ein Böller mal nicht zünden, darf er nicht noch einmal angezündet werden. Böller und Feuerzeuge sollten nie an einem Ort aufbewahrt werden.

——————————–
Bildergallerie: Impressionen aus der Werkstatt (zum Vergrößern anklicken)

———————————

Eine Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

UA-51395940-1