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Buchbinder: Saubere Arbeit mit dreckigen Händen

Von Jens Seemann

Buchbinderin Ursela Christie in ihrer Werkstatt. Foto: Jens Seemann

Meddewade. Sie sieht alles. Doch sie sagt nichts. Bei Ursela Christie lagen gesammelte Liebesbriefen ebenso auf der Werkbank wie geheime Dokumente. „Aus jedem Stapel Papier kann ich ein Buch machen“, sagt die Buchbinderin aus Meddewade. Und sie müsste lügen, wenn sie behaupten würde, nie auch mal etwas zu lesen. Doch über Inhalte spricht sie nicht. Das ist Ehrensache.

Lachend erinnert sie sich an ihre Gesellenzeit in Hamburg. „Dort hatten wir mal einen Kunden, der Magier war. Er brachte uns ein Buch voller Tricks zur Reparatur. Er saß die ganze Zeit neben der Werkbank und ging erst, als der Chef abschloss“. Das ist mittlerweile 20 Jahre her. Als Gesellin ist sie seither rumgekommen – bis hin nach Schottland.

Ursela Christie steckt sich einen Bleistift hinters Ohr und schweift gedanklich nach Glasgow. Per Interrail war sie als Jugendliche mit dem Zug bis in den hohen Norden gereist. Es blieb das Fernweh.

Noch während ihrer Ausbildung suchte sie in Schottland einen Arbeitsplatz – fand aber keinen. Aber sie lernte ihren Mann James kennen – ein Schotte und einer der besten Buchbinder des Landes. Einst war er Leiter der Buchbinderei der schottischen Nationalbibliothek in Edinburgh. Doch das Beamtendasein lag ihm nicht. James Christie ist Handwerker und wollte es auch bleiben. In den frühen 80er Jahren machte er sich selbstständig.

Als seine heutige Frau  sich bewarb, musste er telefonisch absagen. Für zwei gab es zu wenige Aufträge. Aber er lud sie zum Kaffee ein.

„Den dualen Mix aus betrieblicher und schulischer Ausbildung hatte man während der Ära Magaret Thatchers gerade abgeschafft. Und das merkte man“

Ohne Job und mit dieser Einladung im Gepäck flog Ursela Christie nach Edingburgh. Sie schrieb sich 1996 ein Jahr im College ein und studierte Buchbinderei. Schnell erkannte die junge Gesellin und erkannte wie gut sie in Deutschland ausgebildet worden war. „Den dualen Mix aus betrieblicher und schulischer Ausbildung hatte man während der Ära Magaret Thatchers gerade abgeschafft. Und das merkte man“, sagt Christie, die für eine mittelständische Buchbinderei und später gemeinsam mit ihrem Mann arbeitete.

Nach Deutschland zog das Paar 2007. Zu Hause fühlen sich beide auch in Schottland. Im Hause Christie wird meist Scots gesprochen. Nicht selten muss Ursela Christie in beiden Sprachen nach den passenden Ausdrücken suchen.

Mit umgezogen ist eine Sammlung  alter Maschinen. „Das war ein richtiger Kraftakt“, sagt die Handwerkerin und bricht ihren gedanklichen Schottland-Ausflug ab.

So abschweifen darf sie sonst nicht. Beim Leimen, Schneiden und Pressen ist ihre Konzentration gefordert. Sonst bekommen die Seiten Leimflecken oder hält schlichtweg nicht.

Etwas abseits ihrer zahlreichen Pressen, einer großen Pappschere, einem mittelalterlichen Planschneider und einer Prägepresse steht ihre Werkbank. Für Licht sorgt eine Schreibtischlampe. Zum Einbinden der Bücher nutzt sie Pinsel, Scheren, Messer und ein Falzbein – ein Stück glatter, spitzer Knochen. Mit viel Druck kann sie damit beim Einschlagen der Bücher Kanten abziehen oder die Gewebe passend in die Ecken pressen. Ihres hat sie schon seit dem ersten Ausbildungstag.

Und sie braucht viel Leim. Den besorgt sich die Buchbinderin aus Schottland. „Der ist flexibler einsetzbar“, erklärt die Fachfrau. Immer wieder reibt sie sich Leimreste in ihrer Schürze ab. „Buchbinden ist die Kunst, mit dreckigen Händen saubere Arbeit zu leisten“, sagt sie.

„Für ein Buch benötige ich drei Tage. Die Decke muss vor dem Prägen, dem Aufbringer der goldenen Beschriftung, über Nacht trocknen.“

Ihre Arbeit an einzelnen Büchern wird immer wieder durch längere Trockenzeiten unterbrochen. Dafür nutzt sie zahlreiche Pressen. So kann sie an bis zu zehn Büchern zeitgleich arbeiten. So schafft sie bis zu 400. „Für ein Buch benötige ich drei Tage. Die Decke muss vor dem Prägen, dem Aufbringer der goldenen Beschriftung, über Nacht trocknen. Gleiches gilt für fertig eingehängte Bücher, wenn der Buchblock mit der Decke verleimt wurde“ Nach dem Leimen muss es bis zu 24 Stunden trocknen. Erst dann kann ich die Seiten in die Umschläge einhängen oder die Deckel oder Buchrücken prägen“, sagt Christi. Oft wird sie verwundert gefragt wird, ob es Buchbinder tatsächlich noch gibt. Sie sagt: „Ich bin der lebende Beweis“.

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Aus alten Büchern werden Schatzkisten

Alte sind Bücher für Buchbinder erst, wenn sie vor 1850 hergestellt wurden. Davon bekommt Ursela Christie immer wieder welche in ihre Werkstatt. Doch sie fertigt nicht nur  neue Einbände an. Alte Buchdeckeln nutzt sie als Deko für Notizblöcke. Oder sie verwandelt Bücher in eine Schatzkiste. Von Außen wirken sie ganz normal. Doch beim Aufblätterns entdeckt der Leser schnell ein Loch, in dem Kinder beispielsweise Dinge verstecken können.

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Impressionen aus der Werkstatt

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Dieser Beitrag erschien am 11. November 2012 in den Lübecker Nachrichten im Kreis Stormarn

Das PDF zum Download:

 

 

 

 

 

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