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Betriebsübergabe vom Pensionär an den Visionär

Etwa 12.500 norddeutsche Handwerker stehen vor der Entscheidung, ob sie ihren Betrieb in den kommenden zehn Jahren übergeben. Alexander Linsenbarth und Klaus-Peter Schütt würden es jederzeit wieder so regeln, wie es ihnen vor fünf Jahren gelungen ist.

Bargteheide. Klaus-Peter Schütt ist heute Gast, wo er 30 Jahre die Geschicke leitete. Vor fünf Jahren übergab der 65-Jährige die Schlüssel seines Optiker-Betriebes an seinen 36-jährigen Nachfolger Alexander Linsenbarth. Beide verbindet seither eine Freundschaft. Aus dem Sie wurde ein Du – aus dem Mitarbeiter der neue Chef. Und der freut sich, wenn Klaus-Peter Schütt gelegentlich mal wieder reinschaut.
Vieles hat sich seither verändert. Die Ladendeko und viele Geräte sind ganz neu.  Aber das Geschäft trägt noch immer seinen Namen.
Vorschläge macht der alte Chef nur dann, wenn ihn Alexander Linsenbarth darum bittet. Aber das kommt nur noch selten vor. „Das ist sein Laden. Da mische ich mich nicht ein“, sagt Klaus-Peter Schütt. Mit der Selbstständigkeit habe der 65-Jährige abgeschlossen. Heute kümmert er sich um Haus und Garten, verreist und hilft ehrenamtlich dem Deutschen Roten Kreuz.

135.000 Betriebe stehen zur Übergabe
Wie er, stehen viele Handwerker in den kommenden Jahren vor der Entscheidung, ob sie ihr Lebenswerk übergeben. Auf rund 135.000 schätzt das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) die Zahl der Familienunternehmen, die bundesweit bis 2018 aus Altersgründen übergeben werden können. Die Wissenschaftler nutzen die Daten des Statistischen Bundesamtes (Unternehmensregister, Umsatzsteuerstatistik, Mikrozensus, Todesfälle und Verdienste), der Deutschen Bundesbank (Jahresabschlüsse), des Sozioökonomischen Panels (SOEP) sowie eigener Erhebungen. Für den Norden prognostizieren sie, dass es in Hamburg 4.500, Mecklenburg-Vorpommern 2.200 und Schleswig-Holstein 4.500 sein werden. Relativ gesehen liegen die Stadtstaaten Hamburg und Bremen an der Spitze. Während bundesweit 36 von 1.000 mittelständischen Unternehmen übergeben werden können, sind es in Hamburg 42,7, in Mecklenburg-Vorpommern 35,2 und in Schleswig-Holstein 37. Bundesweit berechnete das IfM, dass von 1.000 Mitarbeitern rund 535 in einem Betrieb arbeiten, der übergeben wird. Da Hamburg besonders viele mittelgroße Firmen beheimatet, schätzen die Wissenschaftler die Zahl auf 672.  In Mecklenburg-Vorpommern sind es 451 und in Schleswig-Holstein 530. Bundesweit sind rund zwei Millionen Arbeitsplätze betroffen.

Kammern befragten Betriebe
Die norddeutschen Handwerkskammern blicken nicht nur drei, sondern zehn Jahre voraus. Schon heute sind in Hamburg 4.500 der rund 15.000 Firmeninhaber mindestens 55 Jahre alt. In Mecklenburg-Vorpommern registrierte die Handwerkskammer Schwerin etwa 5.000 der 20.000 Betriebe. In den Regionen rund um Lübeck und Flensburg stehen im gleichen Zeitraum rund  10.000 der 30.000 Handwerksbetriebe zur Übergabe.
Um mehr darüber zu erfahren, schickten die Handwerkskammern in Schleswig-Holstein 2013 allen Betriebsinhabern über 55 Jahre einen Fragebogen. Das Ergebnis:  Etwa 55 Prozent haben ihre Nachfolge noch nicht geregelt. Nur 53 Prozent der Befragten haben sich mit dem Thema befasst. Einige Unternehmer übergeben innerhalb der Familie, andere bauen intern  einen Nachfolger auf oder bieten den Betrieb zum Verkauf an. Einige suchen oder finden niemanden. Jeder fünfte will den eigenen Betrieb sogar aufgeben.

Fünf Jahre einplanen
Aufgrund der wirtschaftlich guten Lage verdrängen viele das Thema. Andere können nicht loslassen oder finden schlicht keinen qualifizierten Nachfolger. Ute Hanson, Betriebsberaterin der Handwerkskammer Lübeck, empfiehlt Betriebsinhabern und Interessenten die bundesweite Unternehmensbörse Nexxt-Change (www.nexxt-change.org (s. Seite 50)). Anbieter und Suchende werden dort aufgelistet. Kooperationspartner wie die Handwerkskammern helfen in allen Fragen rund die Übergabe. Grundsätzlich sollten Firmeninhaber von den ersten Überlegungen bis zur Schlüsselübergabe fünf Jahre einplanen.
Klaus-Peter Schütt feierte 2005 seinen 55. Geburtstag. Damals beschloss er, seinen Laden mit 6o zu verkaufen. Zeitgleich bestand der 26-jährige Alexander Linsenbarth in Jena die letzten Prüfungen seiner Meisterschule. Den naheliegenden Einstieg im elterlichen Betrieb in Thüringen schloss er für sich aus. Stattdessen wollte er Erfahrungen sammeln.
Solch einen jungen Meister suchte Klaus-Peter Schütt in Bargteheide und schaltete bundesweit  Anzeigen, bewusst ohne den Hinweis auf eine mögliche Übergabe.
Viele der Bewerber entsprachen nicht seinen Vorstellungen. Als Alexander Linsenbarth im Frühjahr 2006 die Anzeige fand, reiste er sofort in den Norden, stellte sich vor und überzeuge. Ihn wollte Klaus-Peter Schütt gerne zum Nachfolger machen. Alexander Linsenbarth erfuhr nichts von den Plänen.
Der junge Meister packte seine Koffer und zog binnen zwei Wochen um. Mit den Jahren übertrug ihm der Chef immer mehr Verantwortung. „Dabei habe ich mir nichts gedacht. Ein eigener Laden war schließlich noch kein Thema für mich“, so Linsenbarth.
Umso mehr staunte er 2009, als ihn der bereits 59-Jährige Altmeister fragte, ob er seinen Laden samt Werkstatt, Personal und Kunden kaufen wolle. „Auch wenn ich nicht wusste, wie ich es finanzieren werde, konnte ich es nicht ablehnen. Sonst hätte es womöglich jemand anderes genommen“, sagt Alexander Linsenbarth und erinnert sich an ein aufregendes und konstruktives Jahr.
Die Zahlen der vergangenen 30 Jahre stimmten ihn zuversichtlich. Fragen klärten beide sofort. Und Klaus-Peter Schütt lieh ihm für die Fahrten zu Banken und Beratern sogar sein Auto.

„Diesen Schritt in die Selbstständigkeit habe ich nicht bereut und bin froh, dass mein motiviertes Team meine Ideen und Visionen unterstützt“

Der Nachfolger wollte den Betrieb aber nicht nur übernehmen. Er wollte ihn nach seinen Vorstellungen zu einem Kompetenzzentrum der Augenoptik weiterentwickeln. „Die Persönlichkeit des Übernehmers ist das entscheidende Kriterium. Sie ist wichtiger als der Standort oder das Gewerk. Mich begeisterte sein Auftreten“, erinnert sich Beraterin Ute Hanson, die ihn beim Erstellen des Businessplans unterstützte.
Akribisch bereitete Alexander Linsenbarth alles vor und überzeugte Ute Hanson mit seinen geplanten Umsätzen pro Mitarbeiter, Personalkostenraten und weiteren Kennzahlen. Rückblickend bezeichnet Alexander Linsenbarth den Plan als wichtigsten Baustein seiner Übernahme: „Er bot mir die Chance, ganz detailliert über meine Vorstellungen und Pläne und die Machbarkeit nachzudenken.“ Sein 69-seitiger Businessplan überzeugte die Banken.

Wechselbad der Gefühle
Die Schlüsselübergabe zum Jahreswechsel beschreibt der Jungmeister als Wechselbad der Gefühle: „Auf der einen Seite war die riesige Freude und auf der anderen die Furcht vor dem Risiko.“ Heute hat er sich am Markt etabliert. Seine Geschäftszahlen entwickelten sich positiv. Viele Pläne konnte er schon umsetzen.
Zwei Dinge bleiben unberührt: Logo und Name. „Das verändert man nicht. Darauf vertrauen die Kunden“, sagt Linsenbarth. Seinen Laden in der Bargteheider Innenstadt gestaltete er 2013 in einer modernen Optik, baute zuvor die Untersuchungsräume um und entwarf ein Design für alle Geschäftsunterlagen. Seine Kunden bedient er jetzt mit modernsten Medien. Und bei den Geräten pflegt er höchste Ansprüche. „Diesen Schritt in die Selbstständigkeit habe ich nicht bereut und bin froh, dass mein motiviertes Team meine Ideen und Visionen unterstützt“, sagt er und weiß, dass eine Neugründung viel komplizierter gewesen wäre.

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Ihre Berater der norddeutschen Handwerkskammern

Jörg Kroll (Flensburg)
Tel. 0461 866-134
E-Mail: j.kroll@hwk-flensburg.de

Stefan Seestädt (Lübeck)
Tel.: 0451 15 06-230
E-Mail: sseestaedt@hwk-luebeck.de

Nils Weidner (Hamburg)
Tel.: 040 35905 258
nweidner@hwk-hamburg.de

Betriebsberatung (Schwerin)
Tel.: 0385 7417-154
E-Mail:betriebsberatung@hwk-schwerin.de

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Wie finde ich den passenden Nachfolger?

Den eigenen Betrieb zu übergeben, ist eine Entscheidung, die Betriebsinhaber mit dem Kopf und dem Bauch treffen. Wichtigster Punkt ist die Festlegung, wer künftig die Verantwortung trägt. Das können Familienmitglieder, Mitarbeiter oder externe Käufer sein. Einige Optionen scheiden aus, wenn entsprechende Regelungen in Gesellschafterverträgen, Eheverträgen, Testamenten oder Erbverträgen getroffen wurden.

Was erwarte ich vom neuen Chef?
Potenziellen Kandidaten zu bewerten, ohne sie zu sehr mit sich selbst zu vergleichen, ist schwer. Aber wer sich ausreichend Zeit für den gesamten Prozess nimmt, schafft es rechtzeitig, Kriterien festzulegen, anhand derer er mögliche Kandidaten bewerten kann. Grundsätzlich sollte im ersten Schritt das Augenmerk auf die kaufmännische, fachliche und soziale Kompetenz gerichtet werden. Und wie gut kann der Übernehmende Entscheidungen treffen, Aufgaben delegieren, Konflikte bewältigen und sich durchsetzen kann? Bei allen Überlegungen, ist wichtig, darüber nachzudenken, ob die Mitarbeitern ihn oder sie als Chef akzeptieren?
Solche Entscheidung lassen sich kaum alleine und objektiv treffen – insbesondere wenn ein Familienangehöriger zu den Kandidaten zählt. Deshalb sollten rechtzeitig die Familie und vertraute Personen in alle Überlegungen einbezogen werden.
Wo finde ich den Nachfolger?
Doch wo findet man einen Nachfolger? Im Idealfall in der Familie. Steht niemand bereit, eignen sich häufig Gesellschafter, Führungskräfte oder Mitarbeiter. Sie alle kennen die Besonderheiten des Unternehmens.
Alternativ könnten auch andere Unternehmer daran interessiert sein, ihr Geschäft zu erweitern oder ein zusätzliches Standbein aufzubauen.
Bleibt die Suche auf diesem Weg erfolglos, helfen Anzeigen in Tageszeitungen und Fachzeitschriften und Berater der Handwerkskammern, Wirtschaftsförderer oder Fachverbände.
Internetbörse Nexxt-Change
Zusätzlich vereinfacht die Internetplattform Nexxt-Change (www.nexxt-change.org) die Suche – für Übergebende und Suchende aus ganz Deutschland. Beide können inserieren und recherchieren und werden von regionalen Partnern betreut.

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Wie berechne ich den Wert meiner Firma?

Berater der Handwerkskammern, Gutachter, Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer nutzen unterschiedlichste Methoden, um ein Unternehmen zu bewerten.Beim Vergleichswertverfahren wird geschaut, was andere Unternehmen der Branche kosten. Die Daten können über Verbände, Kammern oder spezialisierte Unternehmensberater ermittelt werden.

Das Bewertungsverfahren nach dem AWH-Standard trägt den besonderen Gegebenheiten kleiner und mittlerer Handwerksbetriebe Rechnung. Entwickelt haben es die Arbeitsgemeinschaft der Wert ermittelnden Betriebsberater im Handwerk (AWH). Folgende Besonderheiten werden stark berücksichtigt: Ertragslage durch die Inhaberpersönlichkeit, die finanziellen Gestaltungsoptionen durch Haftungsverflechtung von Privat- und Betriebsvermögen, die mangelnden betriebswirtschaftlichen Planungsmethoden und das begrenzte Budget für den Bewertungsaufwand.
Bei der Substanzwertmethode richten die Gutachter den Fokus auf einzelne Vermögensgegenstände wie Grundstücke, Maschinen. Es spielt eine untergeordnete Rolle, da es nichts über die zukünftigen Erträge aussagt.
Bei der Ertragswertmethode zählen die künftigen Gewinne. Auch für Banken ist dieser Aspekt wichtiger als die Substanz.
Das Ergebnis des Good-Will-Verfahrens ist ein ideeller Wert. Der Ruf, das Spezialwissen, die Qualifikation der Mitarbeiter, das Betriebsklima, der Kunden- und Lieferantenstamm oder auch die betriebliche Organisation.

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Übergabe geglückt – was nun?

Nach einer geglückten Übergabe fällt es vielen schwer, sich aus dem aktiven Tagesgeschäft zurückzuziehen. Häufig unterschätzen Käufer und Verkäufer die Emotionen – insbesondere wenn der Betrieb an ein Familienmitglied geht. Aus diesem Grund scheitern Übergaben am häufigsten. Wenn beide Seiten eine Übergangsphase planen, müssen alter und neuer Chef den Zeitraum genau absprechen. Ein Vorteil dieser Variante ist, dass der Nachfolger sukzessive die inneren und äußeren Strukturen des Betriebes kennenlernt. Beide Seiten müssen aber verbindliche Spielregeln vereinbaren. Der Alteigentümer sollte zudem nicht der Versuchung erliegen, Entscheidungen des Nachfolgers zu beurteilen. Er muss akzeptieren, dass die jüngere Generation Dinge anders sieht und tut. Beide sollten Aufgaben- und Verantwortungsbereiche und  Kompetenzen eindeutig definieren und diese Schritt für Schritt nach einem vereinbarten Zeitplan übertragen. Der alte Chef kann seinem Nachfolger vorübergehend auch als honorarpflichtiger Berater zur Seite stehen.

Irgendwann sind auch die Übergangsphasen abgeschlossen.
Der Verkäufer sollte sich, wie er als Unternehmer gewohnt sind, aktiv mit seiner neuen Lebensphase auseinandersetzen und Pläne schmieden.

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