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Alkohol am Arbeitsplatz: Hilfe für Betriebe und Betroffene

Zwei Tafeln Schokolade liegen neben einem Apfel, einer Packung Kaffee und einer Salami. Für ein Foto halten Ralf Bastian und Hans Fenske den Präsentkorb lachend in die Kamera des Redakteurs der regionalen Zeitung. Er wird über Hans Fenskes 25 Jahre im Elektrobetrieb Steffen im schleswig-holsteinischen Schönberg schreiben.
Doch das Jubiläum ist nur ein Grund zur Freude. Erst beim zweiten Hinsehen fällt auf, dass die üblichen Pralinen, Sekt- oder Schnapsflaschen fehlen. Stattdessen zieren zwei Orangensaftflaschen den Korb. Sie stehen symbolisch für den gemeinsamen Weg aus Hans Fenskes Alkoholsucht.

Die Süchtigen werden jünger
Laut einer Studie des Mannheimer Instituts für seelische Gesundheit gelten rund zwei Millionen Deutsche als alkoholabhängig – die meisten sind Männer. Wird ihnen nicht geholfen, sinkt ihre Lebenserwartung um bis zu 20 Jahre. Aufgrund ihrer Erkrankung starben in den vergangenen Jahren 13 Prozent der Männer.Und die Süchtigen sind in der Regel nicht mehr nur zwischen 40 und 50 Jahre alt. Immer häufiger kommen auch unter 30-Jährige zum Entzug. Nicht selten paart sich deren Alkoholsucht mit Spielsucht, Drogensucht sowie Medikamenten- oder Medienabhängigkeit.
Der Fachverband Sucht schätzt den Anteil der alkoholabhängigen Arbeitnehmer auf rund fünf Prozent. Sie fehlen dreimal sooft, verursachen viermal so viele Arbeitsunfälle und verlieren schon früh mindestens 25 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit.
Sucht-Experten sind sich deshalb einig, dass noch mehr getan werden muss, um Unternehmer für die Problematik zu sensibilisieren. Insbesondere Kleinstbetriebe sollen dabei unterstützt werden, erste Anzeichen zu erkennen, diese ernstnehmen und Hilfsangebote zu nutzen.  Wie gut das gelingen kann, zeigt der Fall von Hans Fenske. Seinem Chef Ralf Bastian gelang es, ihn erfolgreich auf dem Weg aus der Sucht zu begleiten. Seit nunmehr fünf Jahren ist der 58-Jährige trocken. „Wer weiß, wo ich ohne die Unterstützung heute wäre“, sagt er und spricht offen über seine Krankheit, eine lange Leidenszeit und ein glückliches Ende.
Rückblende:  Wie jeder 15-Jährige genießt Hans Fenske seine Jugend. Wo gefeiert wird, ist er dabei. Auf die erste Zigarette folgt das erste Bier. An den Wochenenden genießt er das Gefühl, schön einen drin zu haben.

Whiskey wird zum neuen Feierabendbier
Während seiner Ausbildung zum Elektroniker sieht Hans Fenske Kollegen, die auf der Baustelle zur Flasche greifen. Er selbst verzichtet und trinkt sein Feierabendbierchen erst nach der anstrengenden Arbeit – zur Belohnung.
Doch mit den Jahren stellt sich das gute Gefühl immer später ein.  Aus einer Flasche werden zwei, drei, vier – bis J.R. in der TV-Serie Dallas mit Eiswürfel im Whiskeyglas klimpert. Das will Hans Fenske auch. Erst nur Mittwochs – bald täglich. Whiskey wird das neue Feierabendbier. Aus einem Glas werden wieder zwei, drei, vier.
Mittlerweile ist er verheiratet, hat eine Tochter und seinen Freund aus der Flasche. Der Alkohol ist eingezogen. Er tut dem Elektriker gut. Doch auf den Baustellen kommt er ohne einen Tropfen aus.  Selbst Überstunden und Stress belasten ihn nicht. Zu groß ist ihm das Risiko, durch die Sauferei seinen Führerschein und Arbeitsplatz zu verlieren.

Zu Hause muss alles ganz schnell gehen
Doch sein Freund aus der Flasche wartet auf ihn. Kaum ist er zu Hause, muss es schnell gehen. Alles in ihm verlangt nach dem geselligen Gefühl. Es ist Eile geboten.  Vor dem Abendbrot leert er bis zu einer Flasche. Denn er weiß, dass ihm der Alkohol nach dem Essen nicht mehr schmeckt.
Immer öfter hilft ihm seine Frau ins Bett. Obwohl sie ihm mehrfach droht auszuziehen, trinkt er weiter. Aber statt zu gehen, wahrt sie den schönen Schein. Jeden Morgen sorgt sie dafür, dass er pünktlich zur Baustelle kommt.
Dann ist er zwar wieder nüchtern. Doch der Whiskeygeschmack bleibt. Immer seltener kann er die Fahne vor seinen Kollegen verbergen. Verpfeifen will ihn niemand. Und helfen kann ihm offenbar keiner.
Sein Chef Ralf Bastian erinnert sich noch sehr gut an das Jahr 2009, als Hans Fenske sich sichtlich verändert. Seine Haut wird rot, die Nase dicker. Er ahnt etwas, spricht ihn an und droht ihm mit der Kündigung. Hilflos kann ihm Hans Fenske nur antworten, dass er dann erledigt sei.

Handwerker-Fonds vermittelt ein Gespräch
Aber eigentlich will Ralf Bastian seinen Bauleiter nicht entlassen. Doch er kennt keine Alternative – bis er Klaus Leuchter trifft. Er ist in Schleswig-Holstein Geschäftsfüher des Handwerkerfonds Suchtkrankheit – ein Verein den die Handwerkskammer Flensburg, die Kreishandwerkerschaften Flensburg und Schleswig, der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt, die IKK und die Suchtberatungstelle  Schleswig 1989 gründeten. Alle Akteure setzten sich das Ziel, die Kündigung von Süchtigen zu verhindern, Hilfsangebote zu schaffen und Handwerksbetriebe, deren Mitarbeiter aufgrund einer Entziehung und Rehabillitation ausfallen, finanziell zu unterstützen.
Nach der Gründung eines weiteren Vereins im Bezirk der Handwerkskammer Lübeck entwickelte sich ab1996 in Schleswig-Holstein ein bundesweit einzigartiges Netzwerk. Viel ist seither geschehen. Und doch besteht laut Klaus Leuchter weiter dringender Handlungsbedarf: „In Deutschland schauen  die Verantwortlichen in Betrieben noch immer im Schnitt acht Jahre lang tatenlos zu. Das ist zu lange.“
Als ihm Ralf Bastian von seinen Beobachtungen berichtet, bietet ihm Klaus Leuchter sofort Hilfe an. Sein Handwerker-Fonds kooperiert mit Kliniken und kann deshalb für Handwerker kurzfristig Plätze für eine Entgiftung reservieren. Doch die Entscheidung muss der Betroffene treffen. Um ihn von dieser Möglichkeit zu überzeugen, organisieren beide ein Gespräch mit Hans Fenske. Nur seine Ehefrau ist in die Pläne eingeweiht, willigt sofort ein und sagt ihm nichts.

Überzeugungsarbeit auf Augenhöhung
Als Ralf Bastian ihn zum Gespräch bittet, glaubt Hans Fenske an eine Baubesprechung. Nur die beiden fremden Männer am Tisch machen ihn misstrauisch. Der eine ist Klaus Leuchter. Der andere heißt Kay Hansen, ist selbst Elektriker und seit 1984 trockener Alkoholiker. Oft begleitet er Klaus Leuchter und redet mit den Betroffenen auf Augenhöhe. Ihm können sie  nichts vormachen. Er weiß, wie es sich anfühlt, die Sucht zu überspielen, seinen Job zu verlieren und auf der Straße zu landen. Er kann berichten, wie eine Entgiftung und Reha abläuft und welche Chancen sich dann bieten.
Fünf Jahre nach diesem Gespräch kann sich Hans Fenske kaum noch daran erinnern. „Das war wie in einem Film. Ich wusste nur, dass es jetzt ernst wird und dass es wohl meine letzte Chance ist.“
Er fasst den Entschluss, sich von seinem falschen Freund zu trennen. Drei Tage später ist er Patient in der Fachklinik für Psychiatrie und Psychosomatik im nordfriesischen Breklum.

Entgiftung und Entzug in drei Phasen
Mediziner beschreiben das, was ihn erwartet, mit einem 3-Phasen-Modell. Einen Tag braucht sein Körper, bis der Alkohol verschwunden ist. Der anschließende Entzug dauert weitere Tage und ist für die meisten härter. „Bei einigen beschleunigt der Puls, andere beginnen zu schwitzen, erbrechen sich oder leiden an Krämpfen“, erklärt Chefarzt Dr. Christoph Mai.
Hans Fenske spürt kaum etwas. Ihn kann Christoph Mai sehr schnell in die dritte Phase der Motivation begleiten. Ärzte und Pfleger sprechen mit ihm. Sie unterstützen ihn und wollen herausfinden, ob mindestens drei der insgesamt sechs Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erfüllt sind, die für eine Sucht sprechen. Sie hören genau hin, ob Hans Fenske über ein starkes Verlangen, unkontrollierten Konsum, immer spätere Wirkungen, den Abbruch sozialer Kontakte, Entzugserscheinungen oder auch die Bereitschaft, illegal zu handeln, berichtet.
Während er beginnt, sich mit den Ursachen seines Trinkens auseinanderzusetzen, bereitet  Klaus Leuchter das Betriebliche Wiedereingliederungsmanagement im Betrieb vor.
Nahtlos wechselt Hans Fenske aber zuvor in die Reha, wo ihn 16 Wochen lang Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Bewegungstherapeuten, Ernährungsberater, Ärzte und Pfleger betreuen. In Einzel- und Gruppengesprächen redet er über seine Vergangenheit und die Zukunft ohne Alkohol – immer und immer wieder. Manchmal nervt es ihn. Oft hilft es ihm.
„Wir erreichen niemanden mit Verboten. Wir verbieten keinem das Trinken. Jeder muss für sich entscheiden, dass er es nicht mehr will – sei es zunächst für ein Jahr oder für ein ganzes Leben“, erklärt Dr. Rainer Petersen, der die Reha leitet, wo auch Drogenabhängige und Spielsüchtige betreut werden. Mit Michael Immelmann reagiert die Klinik auf neue Formen der Sucht. Er therapiert Medienabhängige – häufig sind es Computerspieler. „Das sind für Firmen die neuen Herausforderungen“, sagt Michael Immelmann.
Hans Fenske verlässt die Klinik als trockener Alkoholiker. Wenige Tage später kehrt er zurück zur Arbeit. Ein Jahr lang besucht er noch regelmäßig Selbsthilfegruppen. Seither fühlt er sich so gefestigt, dass er sich sein Leben künftig nur noch mit Kaffee und Schokolade versüßt.


Suchtprobleme in Klein- und Kleinstbetrieben heißt der Leitfaden, den der Fachverband Sucht 2014 in Kooperation mit dem Handwerker-Fonds Suchtkrankheit veröffentlichte.Er informiert, gibt praktische Tipps und nennt Hilfsangebote für Firmen und Betroffene.

Zum Download gelangen Sie hier


Rat und Hilfe

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
www.sucht-am-arbeitsplatz.de

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
www.bzga.de

Handwerker-Fonds Suchtkrankheit
www.handwerker-fonds.de

Fachverbund betriebliche Suchtarbeit
www.betriebliche-suchthilfe.de

Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen
www.sucht-hamburg.de

Landesstelle für Suchtfragen Mecklenburg-Vorpommern
www.lsmv.de

Landesstelle für Suchtfragen Schleswig-Holstein
www.lssh.de


Dieser Beitrag erschien im März 2015 im Magazin NordHandwerk

 

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