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Einzigartig: Wandergesellen bauen sich einen Treffpunkt

In Mecklenburg-Vorpommern entsteht etwas einzigartiges. Dutzende Wandergesellen arbeiten an einem gemeinsamen Projekt. Gemeinsam bauen fünf deutsche und zwei französische Schächte in Dümmer ihr Europahaus. Ein Besuch der Baustelle.

Ein altes Ruderboot schaukelt im Takt der Wellen hin und her. Dichter Nebel zieht über den See und die Felder, auf dem Kraniche nach Futter suchen. Bis auf eine Frau, die mit ihrem Hund die lange Dorfstraße entlang läuft, wirkt Dümmer menschenleer.
Doch mit der Ruhe ist es schnell vorbei. Auf der benachbarten Baustelle endet die Frühstückspause. Sägen kreischen. Ein Mann mit Vollbart, Stiefeln und in eine dicke blaue Jacke gehüllt, beobachtet die Arbeiten. Es ist Johannes Möller-Titel, Bauingenieur und Vater dieses einzigartigen Bauprojektes. Er sorgte dafür, dass seit sieben Monaten nicht mehr nur Liebhaber der Schaalseeregion das kleine Dorf zwischen Ratzeburg und Schwerin kennen. Dümmer wird zu einem bedeutenden Ort in Europa – denn hier entsteht das Europahaus.
Johannes Möller-Titel will einen Treffpunkt der Gemeinde und der Wandergesellen aus aller Welt schaffen. Von seiner Idee überzeugte er den Dachverband der Wandergesellen (CCEG) und die Gemeinde. Mit hohem persönlichen Einsatz warb er 500.000 Euro Fördermittel der EU und Mecklenburg-Vorpommerns ein. Im Untergeschoss entstehen ein Saal und viele Räume, die die örtlichen Vereine nutzen. Unterm Dach wohnen künftig Wandergesellen. Deren Schächte dürfen das Haus kostenfrei als Herberge und Schulungszentrum nutzen.
Und das Konzept geht schon jetzt auf. Dümmer ist ein festes Ziel vieler Fremder, wie die Wandergesellen unterschiedlichster Gewerke und Schächte genannt werden. Etwa 70 reichten sich in den vergangenen Monaten in der 1.400 Einwohner zählenden Gemeinde die Klinke in die Hand. Jeder möchte sich verewigen. Koordiniert werden die Arbeiten von Johannes Möller-Titel, den die Gesellen Möti nennen. Oft staunt er, wie gut die Handwerker auch ohne Handy vernetzt sind. Braucht er Maurer, stehen plötzlich 15 auf der Baustelle. Auch Schweizer, Franzosen, Niederländer und Dänen unterstützen das Projekt. Sie alle bekommen Essen und einen Schlafplatz – aber kein Geld. Deshalb ist Johannes Möller-Titel eines ganz wichtig: „Wir nehmen dem regionalen Handwerk nichts weg. Viele Betriebe erledigen Arbeiten, die unsere Gesellen nicht leisten können“, so Möller-Titel.

Sieben Schächte – eine Baustelle
Für ihn ist die Baustelle ein wunderbarer Ort. Mit Freude beobachtet er, wie die Gesellen unterschiedlichster Schächte miteinander arbeiten und voneinander lernen. Und auch er, der über die Grenzen Dümmers hinaus als Kenner der Wandergesellenszene gilt, lernte täglich mehr über die Traditionen, Rituale und Regeln. Von fünf Gesellen weiß er, dass sie in Dümmer genagelt wurden: „Zum Start der Walz wurde ihnen mit einem Nagel symbolisch ein Loch für den Ohrring gestochen.“
Solch einen Ring trägt auch Thomas Kastenhuber – der als Fremder seinen Nachnamen ablegte. Als Zimmerergeselle erkennt Johannes Möller-Titel ihn am schwarzen Hut, seinem kragenlosen weißen Hemd (Staude) sowie der schwarzen Weste, Hose und Schuhen. Unverkennbar ist seine schwarze Ehrbarkeit samt Handwerkswappen. Der gehäkelte Schlips ist das Symbol der Vereinigung der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen. Andere Vereinigungen tragen ihn in Rot, Blau oder auch Weiß. Er dient als Zeichen, dass  Thomas Kastenhuber sich verpflichtete, den über jahrhunderte gepflegten guten Ruf seines Schachtes mit ehrbarem Benehmen, guter Arbeit und Kameradschaft zu wahren. „Wir halten die Tür für andere Gesellen offen“, sagt der 27-Jährige, der an seiner Weste acht Knöpfe trägt. Sie symbolisieren die täglich zu leistenden acht Stunden. Sechs weitere Knöpfe zieren sein Jackett. Sie stehen für die sechs Tage der Woche, an denen ein Wandergeselle arbeitet. Seit zwei Tagen beschäftigt sich der Bayer mit dem Innenausbau. Während er Platten sägt und verschraubt, berichtet er über seine bisher dreieinhalb Jahre auf der Walz. Die traditionellen drei Jahre und einem Tag hat er schon überschritten. Er wollte mehr sehen und erleben. Weiterhin darf er sich seiner Heimat nicht weiter als 50 Kilometer Luftlinie nähern. Kein Problem für ihn:  „Es zieht einen immer weiter weg. Schließlich will man in der Zeit so viel wie nur möglich sehen und erleben.“

Von Bayern bis nach Chile

An die Freiheit musste er sich gewöhnen. Deshalb blieb er ein Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit strahlenden Augen berichtet er von seinen anschließenden Reisen durch England, Schottland, Irland, Kroatien, Ungarn, Slowakei sowie Argentinien, Bolivien, Chile und Peru. Vieles habe er geplant. Doch die Walz lebe von der Spontanität.
Oft laufe er mit zehn Kilogramm Gepäck bis zu 30 Kilometer am Tag und wisse nicht, wo er am Abend schlafen werde. So sei es vorgekommen, dass er eigentlich nach Hamburg wollte und in Berlin landete. Alleine ist er selten unterwegs. „Toll ist unsere Kameradschaft. Obwohl wir alle kaum etwas haben, gibt einer für den anderen sein letztes Hemd“, sagt er und erklärt, dass sich die Wege meist nach einigen Wochen trennen.
Vom Bau des Europahauses hörte Thomas Kastenhuber, als er durch Kroatien reiste. Ihn begeisterte die Idee, dass die Schächte einen internationalen Treffpunkt errichten wollen. Deshalb machte er sich kurz vor Weihnachten auf den Weg. Die abwechslungsreiche Arbeit sei das eine. „Wir haben aber auch den Möti ins Herz geschlossen. Es unterstützt uns super“, sagt Thomas Kastenhuber und erinnert sich an einen Ausflug ins nahgelegene Moor. Andere Gesellen hatten die Gelegenheit, in einer Bäckerei und Fleischerei selbst etwas herzustellen.
Seine maximal drei Monate, die er an einem Ort verbringen darf, sind fast um. In zwei Tagen wird Thomas Kastenhuber maximal drei Charlottenburger, etwa 80 mal 80 Zentimeter große Tücher, mit seinem Hab und Gut packen. Mit seinem gewundenen Wanderstab, dem Stenz, setzt er dann die Reise fort. Zu einem Reetdachdecker auf Sylt soll es gehen. Im Sommer will er heimkehren. Ob ihm noch Zeit bleibt, um sich den Traum von der Arbeit auf einem Schiff zu erfüllen, bleibt abzuwarten.
Eines aber steht fest. Die Bauarbeiten im Dümmer verfolgt er weiter. Im Sommer soll alles fertig sein. Irgendwann will er sich dann alles ansehen – dann kommt er aber mit dem Auto.

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